Social-Media Verbot? Wir haben sie doch nicht mehr alle.

THOMAS SCHWARZ
JUNI 2026

Was das Verbot mit dem Internet für Erwachsene anrichtet. Und warum es die nächste in einer langen Reihe von Zumutungen ist, die wir einer Generation aufbürden, die nichts davon zu verantworten hat.

Niemand will doom scrolling (das endlose Weiterwischen durch personalisierte Feeds). Niemand will, dass die eigene Sexualität durch Pornoalgorithmen kalibriert wird. Niemand will sich nach einer Stunde TikTok hässlicher, ärmer und dümmer fühlen. Trotzdem passiert genau das Millionen Menschen täglich.
Und die politische Antwort darauf lautet: Wir verbieten den Kindern den Zugang. Nicht den Algorithmen die Optimierung. Nicht den Plattformen das Geschäft. Den Kindern den Zugang.

Seit dem 10. Dezember 2025 dürfen in Australien Kinder unter 16 Jahren keine eigenen Konten mehr bei Instagram, TikTok, Snapchat, Facebook, Threads, X, YouTube, Twitch, Reddit und Kick haben. Das Gesetz nimmt die Plattformen in die Pflicht. Bei systemischen Verstößen drohen Strafen bis 49,5 Millionen australische Dollar, etwa 28,5 Millionen Euro.
Eltern werden nicht bestraft. Kinder auch nicht. Die Plattformen sollen es richten, indem sie das Alter ihrer Nutzer wirksam prüfen.

Nach knapp vier Monaten zog die australische Online Sicherheitsbehörde eSafety eine erste Bilanz. Rund 5 Millionen Konten wurden gelöscht, gesperrt oder eingeschränkt. 310.000 Registrierungsversuche wurden verhindert. Reddit hat Klage gegen das Gesetz eingereicht. Gegen fünf Dienste ermittelt die Behörde: Facebook, Instagram, TikTok, Snapchat und YouTube. Kommunikationsministerin Anika Wells, also die Frau, die das Gesetz selbst vertritt, fand dafür deutliche Worte. Die Taktiken der Plattformen stammten „direkt aus dem Drehbuch der Big Tech Konzerne”, die Konzerne versuchten, „mit dem absolut Nötigsten davonzukommen”. Das ist die Diagnose der Verantwortlichen über ihr eigenes Werkzeug.

Schon die Definition ist Glückssache. YouTube sollte zunächst von der Liste ausgenommen werden, weil sich die Plattform als Lernumgebung verkaufte. Nach öffentlichem Druck wurde die Ausnahme gestrichen.
Ausgenommen bleiben dagegen Messenger und Spieledienste wie WhatsApp, der Facebook Messenger und Roblox, obwohl auch dort kommuniziert wird, gechattet, gruppiert, geteilt. Reddit wiederum klagt und beruft sich darauf, strukturell ein Diskussionsforum zu sein, kein soziales Netzwerk im engeren Sinn. Wer zieht hier die Grenze? Eine politische Entscheidung, keine technische. Mit jedem neuen Trend muss sie nachgezogen werden. Das ist kein Detail. Das ist die strukturelle Schwäche eines Konzepts, das Plattformen kategorisiert statt das, was auf ihnen passiert.
Eine ZDFheute Recherche vom 7. April 2026 zeigt, was die Zahl der gelöschten Konten verdeckt. Knapp 70 Prozent aller unter 16 Jährigen, die vor dem Verbot ein Konto auf TikTok, Instagram oder Snapchat hatten, können nach wie vor darauf zugreifen. Die 13 jährigen Evita und Scarlett aus Australien erzählen dem Sender, wie einfach es ist. „Ich habe mein Alter auf 20 Jahre gesetzt und sie haben wohl geglaubt, dass das stimmt”
, sagt Scarlett. Andere Jugendliche schminken sich älter, damit die Gesichtserkennung sie für volljährig hält, oder lassen ein älteres Geschwisterkind den Verifikationsprozess durchlaufen. Im eSafety Bericht selbst gaben 300 von 900 befragten Eltern an, ihre Kinder hätten weiterhin mindestens ein Social Media Konto. Vor dem Verbot war es die Hälfte. Das Verbot hat die Quote also nur teilweise gesenkt.
Australien hat in vier Monaten 5 Millionen Konten gelöscht. Australien hat in vier Monaten keinen einzigen Algorithmus reguliert.
Plattformen waren mal soziale Kreise, jetzt sind sie Aufmerksamkeitsmaschinen
Bleiben wir kurz hier. Hinter der australischen Statistik steht eine Frage, die in der Verbotsdebatte selten gestellt wird. Wann ist eigentlich aus den sozialen Netzwerken das geworden, vor dem wir Kinder schützen wollen?
Facebook war 2004 eine Verzeichnisseite einer Eliteuniversität.
Instagram war 2010 eine App, mit der man Polaroid Filter über Frühstücksbilder legte. YouTube war 2005 ein Ort, an dem Menschen ihre Hochzeitstänze mit der Welt teilten. Das waren technische Abbildungen sozialer Kreise. Du hattest Freunde, du sahst, was deine Freunde machten, du teiltest, was du selbst gerade machtest. Das funktionierte, weil Menschen genau das wollten.
Was wir heute Social Media nennen, hat mit diesem Versprechen wenig zu tun. Die heutigen Plattformen sind keine sozialen Netze. Sie sind Aufmerksamkeitsmaschinen. Sie zeigen dir nicht, was deine Freunde machen. Sie zeigen dir, was dich emotional am stärksten reagieren lässt.
Wut funktioniert gut. Neid funktioniert gut. Unsicherheit über den eigenen Körper, das eigene Einkommen, die eigene Intelligenz funktioniert sehr gut. Engagement (die Zeit und Interaktion pro Nutzer) ist die Währung. Werbepreis das Geschäft. Umsatz das Ziel. Was Kinder dabei zerstört, ist aus Sicht der Plattformen ein zu vernachlässigender Kollateralschaden. Aus der eigenen Sicht.
Karen Hao beschreibt in Empires of AI ein Muster, das hier präzise greift. Die imperialen Strukturen der Tech Industrie zeichneten sich dadurch aus, „den ökonomischen Nutzen einer breiten Basis menschlicher Arbeit zu ernten und dafür wenig oder gar nichts zu zahlen”. Bei Social Media ist die menschliche Arbeit deine Aufmerksamkeit. Sie wird geerntet, sie wird verkauft, du bekommst dafür Bilder, die dich am Bildschirm halten. Wie ich in Das Nonprofit hat seine Mission überlebt beschrieben habe, ist diese Logik längst auch bei OpenAI angekommen. Werbung ist auf dem Kapitalmarkt besser bewertet als Abos. Das gilt für Meta. Das gilt für TikTok. Das wird für ChatGPT gelten.
Wie weit diese Logik trägt, sieht man inzwischen am politischen System selbst. Wer im Bundestag eine Rede hält, hält sie oft mit dem Blick darauf, welche 30 Sekunden sich später als Reel oder Short schneiden lassen. Das ist keine Marotte. Das ist Anpassung. Wer nicht in plattformkompatibler Form spricht, verliert Sichtbarkeit. Wer Sichtbarkeit verliert, verliert politische Relevanz. Wenn sogar die, die diese Plattformen regulieren sollten, ihre Sprache an die Plattform anpassen, dann ist die Aufmerksamkeitsmaschine kein Randphänomen mehr. Sie ist der Rahmen, in dem auch demokratische Debatten heute stattfinden. Das ist die strukturelle Ebene des Problems. Sie betrifft alle.
Nicht nur Kinder.
Wer in dieser Aufmerksamkeitsökonomie etwas verändern will, muss an das Geschäftsmodell heran. Nicht an die Nutzer. Auch nicht an die jüngsten Nutzer.

39 Sekunden bis zum ersten Schaden
Dass die Algorithmen nicht harmlos sind, ist keine Spekulation. Es ist dokumentiert.
Das Center for Countering Digital Hate hat 2022 in einer Studie namens „Deadly by Design” simuliert, was passiert, wenn ein neues Konto sich als 13 jähriges Mädchen anmeldet und mit Inhalten zu psychischer Gesundheit interagiert. Geschäftsführer Imran Ahmed beschreibt die Ergebnisse: „Innerhalb von 2,5 Minuten wurden den Konten selbstverletzende Inhalte angezeigt. Nach acht Minuten sahen sie Inhalte über Essstörungen. Im Durchschnitt hat der Algorithmus alle 39 Sekunden schädliche Inhalte angezeigt.” 39 Sekunden. Das ist die Zeit, in der ein Kind ein Glas Wasser einschenkt.
Amnesty International hat 2023 in dem Bericht „In die Dunkelheit getrieben” eine ähnliche Methodik angewandt und kam zu einem ähnlichen Befund. Nach 3 bis 20 Minuten besteht der For You Feed eines simulierten Teenager Kontos zu mehr als der Hälfte aus Videos zu psychischen Problemen. Innerhalb einer Stunde tauchen Inhalte auf, die Suizid normalisieren oder romantisieren.
Die Konsequenzen sind real. Vier britische Familien reichten Anfang 2025 vor dem Delaware Superior Court Klage gegen TikTok und seinen Mutterkonzern ByteDance ein. Sie machen geltend, ihre Kinder seien gestorben, nachdem die Plattform ihnen sogenannte „Blackout Challenge” Inhalte aktiv ausgespielt habe. Isaac Kenevan, 13. Archie Battersbee, 12. Julian Sweeney, 14. Maia Walsh, 13. Drei von ihnen starben 2022 innerhalb von 45 Tagen, ohne sich zu kennen. Anfang 2026 begann die Anhörung. Das Gericht hatte einer parallelen US Klage bereits 2024 die Section 230 Immunität aberkannt, mit der sich TikTok bisher schützte. Algorithmische Empfehlungen, so das Gericht, seien keine bloße Vermittlung fremder Inhalte mehr.
Und dann ist da Ursula von der Leyen. Am 12. Mai 2026 hielt sie in Kopenhagen eine Rede, in der sie die Diagnose mit einer Klarheit lieferte, die ich der Kommissionspräsidentin so nicht zugetraut hätte. Sie zählte auf: „Schlafmangel, Depressionen, Angstzustände, Selbstverletzung, Suchtverhalten, Cybermobbing, Grooming, Ausbeutung, Suizid.” Und dann der Satz, der eigentlich die ganze Debatte trägt: „Sie sind kein Zufall. Sie sind das Ergebnis von Geschäftsmodellen, die die Aufmerksamkeit unserer Kinder zur Ware machen.”
Das ist die korrekte Diagnose. Sie kommt von der Person, die das Verbot für Minderjährige in Europa mit auf den Weg bringt. Die Therapie zielt trotzdem an der Ursache vorbei.
Eine Grenze, die niemand präzise begründen kann Wenn die Diagnose so klar ist, sollte man meinen, die Therapie wäre wenigstens wissenschaftlich gut unterfüttert. Ist sie nicht.
Die Bundesregierung räumte in einer Antwort auf eine Anfrage der Linken Fraktionschefin Heidi Reichinnek selbst ein:

„Nach Kenntnis der Bundesregierung liegen entsprechende belastbare Studien noch nicht vor.”

Die Evaluationsstudien aus Australien seien noch in Arbeit. Ein 2025 erschienenes Diskussionspapier der Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften, fordert ein Verbot für unter 13 Jährige und eingeschränkte Nutzung bis 17, räumt aber im selben Atemzug offene Fragen zu den Wirkmechanismen ein. Mitautor Johannes Buchmann verweist explizit auf das, was die Forschung nicht weiß.
Andere große Längsschnittstudien finden den behaupteten Zusammenhang in dieser eindeutigen Form nicht.
Das gängige Argument für eine harte Altersgrenze – das Belohnungssystem im jugendlichen Gehirn reife früher als das Kontrollsystem – ist ein interessanter neurologischer Befund. Aber er taugt nicht als Begründung für genau 16 Jahre und nicht 14, 15 oder 18.
Gleichzeitig setzt körperliche Geschlechtsreife heute früher ein als bei früheren Generationen. Mathematische Fähigkeiten auch. Wer mit dem unfertigen Gehirn argumentiert, müsste die Konsequenz konsistent ziehen, also auch erklären, ab wann ein Mensch entscheidungsfähig ist im Sinne von Strafmündigkeit, Wahlrecht, Heiratsfähigkeit. Das tut niemand. Stattdessen wird eine Zahl gewählt, die als Kompromiss zwischen Schutz und Akzeptanz funktioniert.
Was wir wissen: Algorithmen richten bei Minderjährigen messbar Schaden an. Was wir nicht wissen: Bei welcher Altersgrenze dieser Schaden mit welcher Wirksamkeit verhindert wird. Eine Politik, die in einer Frage mit so vielen Unsicherheiten zu einem so harten Werkzeug greift wie einem pauschalen Verbot, sollte ehrlicherweise dazu sagen, dass sie eine politische Entscheidung trifft. Keine wissenschaftliche.
Was Kindern in der Bilanz nicht auftaucht
Wer in der Verbotsdebatte nur über Schaden spricht, blendet aus, dass Plattformen für viele Kinder genau die Funktion erfüllen, die ihre Erfinder einmal versprochen haben. Sie sind ein Sozialraum.
UNICEF Deutschland hat im April 2026 das SINUS Institut 1.072 Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren befragen lassen. Das Ergebnis ist eindeutig: Eine relative Mehrheit lehnt ein Verbot für die eigene Altersgruppe als nicht sinnvoll ab. Aber die interessanteren Zahlen stehen daneben.
84 Prozent wünschen sich bessere Inhaltsfilter und die schnelle Löschung ungeeigneter Inhalte.
80 Prozent wollen standardmäßig aktivierte Schutzeinstellungen wie private Profile und eingeschränkten Kontakt durch Fremde.
Und 42 Prozent sehen bei diesen Schutzmaßnahmen vor allem die Plattformen in der Verantwortung, nur 15 Prozent den Staat.
Das ist die Stimme der Betroffenen, und sie ist analytisch präziser als das, was im Bundestag dazu gesagt wird. Verbote allein, sagen die Jugendlichen, bringen nichts. Was sie wollen, ist ein digitaler Raum, der sicher und altersgerecht ist.
Wer das relativieren will, soll sich vorstellen, was Online Communities für ein 14 jähriges queeres Kind in einem niedersächsischen Dorf bedeuten, in dem es niemanden offline gibt, dem es sich anvertrauen könnte. Was sie für ein chronisch krankes Kind bedeuten, das die Schule wochenlang nicht besuchen kann und über eine Online Community trotzdem in Kontakt mit Gleichaltrigen bleibt. Was sie für ein hochbegabtes Kind bedeuten, das in der eigenen Schulklasse seit der dritten Klasse niemanden gefunden hat, mit dem es über Astronomie reden kann, online aber sehr wohl. Diese Räume existieren. Sie sind keine Ersatzhandlung. Sie sind manchmal der einzige funktionierende Anschluss. Und ein Verbot trifft genau diese Kinder hart, weil die anderen, gut vernetzten, ihn ohnehin umgehen.
Es gibt eine ehrliche Bilanz, und in der ehrlichen Bilanz steht beides drin.
Der Schaden ist real. Der Nutzen ist auch real. Eine Politik, die nur eine Seite sieht, ist nicht differenziert. Sie ist faul.
Die Maschine, die Verantwortung verschiebt
Was das australische Modell tut, ist nicht regulieren. Es ist delegieren.
Die strukturelle Frage, was eine Plattform mit deinem Kind machen darf, wird übersetzt in die operative Frage, ob die Plattform dein Kind erkennt.
Ann Kristin Tlusty und Wolfgang M. Schmitt beschreiben in Selbst Schuld die Technik, die hier am Werk ist. Sie nennen es Responsibilisierung, also die systematische Verlagerung struktureller Probleme auf individuelle Verantwortung. Der Kernsatz aus dem Vorwort:
„Wo Individuen sich selbst für schuldig halten, fehlt ihnen die Energie, das große Ganze zu adressieren.”
Beim Social Media Verbot wandert die Verantwortung in drei Schritten.
Erst zu den Plattformen, die ihre Pflicht mit dem Nötigsten erfüllen.
Dann zu den Eltern, die jetzt die Türsteher ihrer eigenen Kinder werden sollen. Dann zu den Kindern selbst, die das Geburtsdatum hochsetzen und damit, in der Logik des Gesetzes, ja schon nicht mehr Kinder sind.
Wer am Ende dieser Kette steht, fragt nicht mehr, warum eine Plattform mit ausgewerteter Aufmerksamkeit von Minderjährigen Geld verdienen darf. Er fragt, ob er als Vater oder Mutter nicht doch das Handy hätte wegnehmen sollen. Das ist die Falle. Wie ich in Kognitive Schulden beschrieben habe, läuft dieser Mechanismus auch bei KI Systemen so ab. Das Problem wird privatisiert. Der Anbieter bleibt verschont.

Kognitive Schulden: Wenn KI dir das Denken abnimmt und du es nicht zurückbekommst
THOMAS SCHWARZ· MAR 30
Vor ein paar Wochen habe ich mich bei etwas erwischt, das mich kurz innehalten ließ. Ich habe für einen Artikel recherchiert und mir von Claude, Perplexity und ChatGPT eine Zusammenfassung der Quellenlage erstellen lassen. Und dann habe ich die Originalquellen nur noch überflogen, statt sie wirklich zu lesen. Ich habe geprüft, ob die Zusammenfassung plausibel klingt, und weitergemacht. Ohne die Quellen so zu lesen, wie ich es sonst tue: Satz für Satz, mit den Fingern auf Command + C für die Überführung in das digitale Notizbuch.
Ganze Geschichte lesen

Das Internet, das gerade für uns alle umgebaut wird
Was als Kinderschutz daherkommt, ist eine Infrastrukturentscheidung.
Und sie betrifft jeden Erwachsenen.
Damit ein Verbot für unter 16 Jährige funktionieren kann, müssen Plattformen das Alter wirksam prüfen. Bisher reichte ein Häkchen am Geburtsdatum. Künftig nicht mehr. Kommissionspräsidentin von der Leyen stellte am 15. April 2026 eine sogenannte Mini Wallet vor, eine App, die auf der Architektur der EUDI Wallet (European Digital Identity Wallet) aufbaut. Sie soll nachweisen können, ob jemand alt genug ist, ohne das genaue Geburtsdatum preiszugeben. Zwei Wochen später, am
29. April, empfahl die Kommission allen Mitgliedstaaten, bis Ende 2026 ihren Bürgern Zugang zu solchen Altersnachweisen zu verschaffen. Die SPD hat in einem Impulspapier vom Februar 2026 vorgeschlagen, die EUDI Wallet für die Altersverifikation bei Social Media verpflichtend zu machen.
Klingt vernünftig. Bis man die Fachleute fragt. Das Science Media Center hat im April 2026 Sicherheitsforscher zur App befragt. Ihr Befund, nüchtern formuliert: „Selbst mit optimalem Datenschutz auf kryptographischer Ebene ist vollständige Anonymität im Netz aber kaum umsetzbar. Denn es fallen zusätzlich zu den Altersnachweisen weitere Daten an, mit denen Nutzer:innen leicht zu tracken oder sogar zu identifizieren sind.”
Forscher des Fraunhofer Instituts für Sichere Informationstechnologie warnen im Tagesspiegel zudem vor Zugangsbarrieren durch Hardwareanforderungen, weil die App auf die Sicherheitsfunktionen aktueller Apple und Google Geräte angewiesen ist. Apple und Google werden so zur Infrastruktur des Jugendschutzes.
Hier wird es politisch ernst. Anonymität ist kein Selbstzweck. Sie ist die Voraussetzung für eine bestimmte Form von Meinungsäußerung, die in einer Demokratie zählt. Wer im Pflegeheim arbeitet und über die Zustände schreibt, wer als Beamter eine Behörde von innen kritisiert, wer als queere Person in einem Dorf lebt, wer in einer autoritären Familie aufwächst, der schreibt online nicht unter Klarnamen. Eine Verifikationspflicht, die mit jeder Anmeldung dein Geburtsdatum, deinen Wohnort, dein Gerätemodell, dein Verhaltensmuster bei der EU, bei Apple oder bei Google hinterlässt, bedroht genau diesen Raum.
Bleiben wir kurz hier, denn der Begriff Meinungsäußerung wird in dieser Debatte gerne ausgehöhlt.
Freie Meinungsäußerung ist „Friedrich Merz’ Politik ist fahrlässig”.
Freie Meinungsäußerung ist „Die SPD hat sich beim Sozialstaat verrannt”.
Freie Meinungsäußerung ist „Die Grünen verlieren gerade ihre eigene Klientel”.
Nicht freie Meinungsäußerung sind ehrabschneidende Beleidigungen, sexualisierte Übergriffe, Volksverhetzung, gezielte Falschaussagen über benennbare Personen. Wer den Bundeskanzler mit einem vulgären Spitznamen versieht, der auf weibliche Genitalien anspielt (entschuldige das Beispiel), äußert keine Meinung. Er beleidigt. Dafür gibt es Strafrecht. Dafür gibt es die Pflichten aus dem Digital Services Act.
Plattformen müssen Wege finden, das einzuhegen. Ganz einfach. Sie haben die technischen Mittel. Sie haben sie nur nicht eingesetzt, weil das Geld kostet und der Algorithmus mit aggressiven Inhalten besser läuft.
Wer hier die Anonymität verteidigt, verteidigt nicht den Pöbel, der den Kanzler beleidigt. Er verteidigt die Krankenschwester, die unter Pseudonym über Personalmangel schreibt. Beides muss möglich bleiben.
Das eine durch Plattformpflichten. Das andere durch Anonymitätsschutz. Wer beides vermischt, hat verstanden, dass die Vermischung das eigentliche Geschäft ist.

Wer Compliance nicht stemmen kann
Es gibt eine zweite Verschiebung, die in der Debatte selten erwähnt wird. Wer Verifikationspflichten einführt, bevorzugt damit die, die diese Pflichten am leichtesten erfüllen können. Und das sind nicht die Kleinen.
Meta hat eine Compliance Abteilung mit Tausenden Mitarbeitern.
Google auch. ByteDance hat sie inzwischen aufgebaut. Für sie sind Altersverifikation, technische Schnittstellen zur EUDI Wallet, regelmäßige Audits durch eine Aufsichtsbehörde eine Kostenposition.
Eine teure, aber eine, die sie auf ihre Größe umlegen können.
Ein deutsches Forum mit 80.000 Mitgliedern kann das nicht. Eine Schweizer Nischenplattform für Hobbyimker kann das nicht. Ein italienisches Indie Netzwerk für Comic Künstler kann das nicht. Wenn die EU bei jeder Plattform mit nutzergenerierten Inhalten verbindliche Altersprüfung verlangt, dann erfüllt der Hobbyimker entweder die Auflagen, was er nicht kann, oder er stellt seinen Dienst ein. Das Resultat ist eine faktische Konsolidierung des Marktes bei den drei oder vier großen US Plattformen, die das Problem überhaupt produziert haben. Was als europäische Schutzregulierung gedacht ist, vertieft am Ende die Abhängigkeit von US Plattformen, weil es ernstzunehmende europäische Alternativen gar nicht erst entstehen lässt. Wie ich in Das Internet wird leergefressen und trotzdem war es nie lebendiger beschrieben habe, läuft parallel eine kleine Renaissance des unabhängigen, persönlichen Webs. Eine Verifikationspflicht ohne Augenmaß ist das Werkzeug, das genau diese Renaissance zerstören würde.

Adrian Daub formuliert in Was das Valley herrschen nennt einen Satz, der hier präzise sitzt:
„Das wahre Risiko für unsere Demokratie liegt derzeit nicht in der Technologie selbst, sondern im Geschwätz über sie.”
Das Geschwätz, in unserer Debatte, ist die Reduktion eines strukturellen Problems auf eine Altersfrage. Während wir über Altersgrenzen streiten, werden Verifikationsinfrastrukturen gebaut, die die Marktposition von Big Tech zementieren und das offene Web verschlechtern. Wer das nicht will, muss es jetzt benennen.

Die Werkzeuge sind da. Sie werden benutzt. Nur nicht hart genug.
Hier wird die Debatte um das Verbot besonders absurd. Es gibt bereits ein europäisches Gesetz, das genau das adressiert, was Australien zu adressieren vorgibt. Es heißt Digital Services Act, ist seit Februar 2024 vollständig in Kraft und sieht Strafen bis zu 6 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes vor.
Im Dezember 2025 hat die EU Kommission die erste große DSA Strafe verhängt: 120 Millionen Euro gegen X. Im Februar 2026 folgten vorläufige Feststellungen gegen TikTok wegen „süchtig machendem Design”. Konkret: endloser Bildlauf, Autoplay, hochgradig personalisierte Empfehlungssysteme fördern zwanghaftes Nutzungsverhalten, „besonders bei Kindern und Jugendlichen”, so die Kommission. Am 29.April 2026 hat dieselbe Kommission vorläufige Feststellungen gegen Meta veröffentlicht. Der Vorwurf: Facebook und Instagram unternähmen sehr wenig, um unter 13 Jährige von ihren Diensten fernzuhalten, obwohl die Plattform selbst ein Mindestalter von 13 Jahren vorschreibt.
Die Selbstauskunft beim Geburtsdatum genügt dem DSA nicht.
Bestätigt sich der Verstoß, drohen bis zu 6 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes. Bei einem Meta Umsatz von rund 201 Milliarden US- Dollar im Jahr 2025 wären das über 12 Milliarden.
Am 12. Mai 2026 kündigte von der Leyen einen Digital Fairness Act an, der gezielt gegen suchtfördernde und schädliche Designelemente wie endloses Scrollen und Autoplay vorgehen soll. Das ist das richtige Werkzeug, weil es das Geschäftsmodell trifft, nicht die Nutzer.
Wer ernsthaft Kinderschutz betreiben will, muss die Verfahren, die jetzt schon laufen, mit aller Härte zu Ende führen. Er muss die DSA Strafen so verhängen, dass sie wirken, also in Größenordnungen, die ein Quartalsergebnis bei Meta sichtbar verändern. Und er muss prüfen, was HateAid in seinem Policy Paper Safety by Design zusammengetragen hat: die Einstufung von Social Media Algorithmen als Hochrisiko KI Systeme im Sinne des AI Acts, das Verbot manipulativer Designelemente wie Autoplay und Endlosscrollen, ein Verbot von Social Bots und Qualifikationsanforderungen für Plattform Führungskräfte. Dazu die Forderung der Jugendlichen selbst: standardmäßig aktive Schutzeinstellungen und konsequente Inhaltsmoderation.
All das existiert. Es ist nicht erfunden, nicht radikal, nicht utopisch. Es wird nur nicht in der Geschwindigkeit umgesetzt, in der es nötig wäre.
Und in dem Moment, in dem die Kommission angefangen hat, harte Verfahren gegen die größten Plattformen zu führen, wird parallel über ein Verbot diskutiert, das genau diese Verfahren überflüssig erscheinen ließe. Das ist kein Zufall. Das ist die Logik einer Debatte, die sich von den eigentlichen Akteuren wegbewegt.

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Was wir dieser Generation zumuten
Und jetzt der eigentliche Punkt. Bevor wir uns über das richtige Schutzalter für Plattformen weiter unterhalten, einen kurzen Realitätscheck zu uns selbst.
Wir sind die Gesellschaft, die nicht einmal bereit ist, ein generelles Tempolimit auf Autobahnen einzuführen, obwohl das Umweltbundesamt für ein Tempo 130 eine jährliche Einsparung von rund 1,9 Millionen Tonnen CO2 berechnet hat, praktisch ohne Mehrkosten, und die Verkehrssicherheitsforschung zeigt, dass weniger schwere Unfälle und geringere Verletzungsschwere die Folge wären. Wir akzeptieren diesen Komfortverzicht für uns selbst seit Jahrzehnten nicht. Er sei ein zu großer Eingriff in unsere Freiheit. Aber wir akzeptieren ohne wirkliche Debatte, dass Vierzehnjährigen der Zugang zu einer ganzen Kommunikationsinfrastruktur entzogen wird, um ein Problem zu lösen, das wir selbst geschaffen haben.
Halte den Gedanken einen Moment. Wir, die wir nicht einmal das eigene Tempo regulieren wollen, regulieren das soziale Leben unserer Kinder.
Und das ist der harmlosere Teil der Bilanz.
Wir reden über eine Generation, die in der Schule lernt, dass die größten Gräueltaten des 20. Jahrhunderts von Nazis verübt wurden, und gleichzeitig zusehen muss, wie in mehreren europäischen Parlamenten wieder welche sitzen, gewählt von ihren Eltern und Großeltern.
Wir reden über eine Generation, die mit der Klimakrise rechnet, ohne sie verursacht zu haben, und die jeden Sommer Bilder von Hitzewellen, Bränden und Überschwemmungen auf genau den Plattformen sieht, die wir ihr jetzt verbieten wollen.
Wir reden über eine Generation, die weniger verdienen wird als ihre Eltern, weil das Wohlstandsversprechen der Nachkriegszeit aus heutiger Perspektive nicht mehr gilt. Wohneigentum in der Stadt ist für die meisten von ihnen aussichtslos. Festanstellungen schmelzen. Ezra Klein und Derek Thompson beschreiben in Der neue Wohlstand eine politische Pathologie, die diesen Befund verschärft. Knappheit, schreiben sie, ist häufig keine Naturgegebenheit, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen. Die Generation, die das Resultat dieser Entscheidungen tragen muss, ist die jetzige Schülergeneration.

Wir reden über eine Generation, die ihr Leben lang in eine Rente einzahlt, die sie selbst voraussichtlich nicht in der heutigen Form bekommen wird. Der Generationenvertrag, auf den sich Ältere berufen, funktioniert seit Jahrzehnten nur in eine Richtung.

Wir reden über eine Generation, der die KI Industrie täglich erklärt, sie werde entweder ihre Jobs übernehmen oder die Menschheit auslöschen, je nach Wochentag. Sam Altman in der Frühausgabe, Geoffrey Hinton in den Abendnachrichten.
Wir reden über eine Generation, die mit Kriegen aufwächst, die sie nicht erklärt hat, geführt von Autokraten, die sie nicht gewählt hat.

Und jetzt greifen wir ihr auch noch den Raum an, in dem sie groß geworden ist. Nicht wir, die wir die Plattformen erst gebaut, dann finanziert, dann nicht reguliert haben. Sondern sie.
Wir haben sie doch nicht mehr alle.

Die ehrliche Spannung
Bleibt eine Frage, die ich nicht weglassen will. Wer Plattformen reguliert und Verbote ablehnt, ist trotzdem nicht aus der Pflicht, das eigene Verhalten zu hinterfragen. Eltern müssen Medienkompetenz aufbringen.
Das bedeutet nicht, dass sie alle Apps kennen, die ihre Kinder benutzen.
Das bedeutet, dass sie verstehen, warum ihre Kinder dort sind. Welche Bedürfnisse sie online befriedigen. Welche Räume die Familie offline nicht bereitstellen kann.
Mir ist die Spannung dabei bewusst. Wer Medienkompetenz fordert, kann sich mit guten Argumenten den Vorwurf einhandeln, genau die Responsibilisierung zu wiederholen, die ich oben kritisiert habe. Das Problem wird privatisiert, die Plattform bleibt verschont. Stimmt. Und gleichzeitig wäre es naiv zu glauben, dass mit besserer Regulierung allein das Problem aus der Welt ist. Auch eine reformierte Plattform ist eine Plattform. Auch ein gut regulierter Algorithmus liefert Inhalte, mit denen sich Eltern auseinandersetzen müssen.
Eine konkrete Forderung kommt aus den Reaktionen meiner eigenen Leserinnen und Leser auf eine Vorabnotiz zu diesem Text, und sie verdient mehr Aufmerksamkeit, als sie in der politischen Debatte bekommt. Wenn man Plattformen reguliert, sollte man parallel ein verbindliches Schulfach Medienkunde einführen. Nicht als Modul, das im Deutschunterricht zwei Wochen mitläuft, sondern als eigenständiges Fach mit eigenem Curriculum von der Grundschule bis zum Abitur. Wer den Aufmerksamkeitsalgorithmus durchschaut, kann ihn besser einordnen. Wer versteht, wie aus einem persönlichen Foto ein Profilstein für Werbenetzwerke wird, geht anders damit um. Wer lernt, einen Deepfake von einem echten Video zu unterscheiden, ist resilienter gegen Manipulation. Das ist keine Magie, das ist Bildung. Und sie ist machbar.
Die Auflösung der Spannung ist nicht elegant, aber ehrlich. Drei Dinge sind nötig, und sie müssen in dieser Reihenfolge passieren. Erstens reguliert der Staat das Produkt, mit dem die Probleme entstehen.
Zweitens unterstützt der Staat die Familien dabei, mit dem regulierten Produkt umzugehen, durch ein verpflichtendes Schulfach und niedrigschwellige Angebote für Eltern. Drittens, und erst drittens, tragen Eltern die verbleibende Verantwortung, mit Autonomie über die Erziehung ihrer eigenen Kinder. Ein Auto mit Konstruktionsfehler in der Bremse reguliert man nicht, indem man Fahrschulen für Kinder pflichtfähig macht. Man ruft den Hersteller. Wenn das auch nicht hilft, verbietet man das Modell. Parallel führt man den Verkehrsunterricht ein.
Erst danach kommt die Frage, wie sich Eltern und Kinder im Straßenverkehr verhalten sollten. Was wir gerade machen, läuft genau anders herum. Wir verlangen die Fahrschule und überlassen den Hersteller seinen Aktionären.
Ich glaube
Ich glaube, das Verbot ist die bequemste aller Antworten. Es nimmt der Politik die Mühe, sich mit dem Geschäftsmodell der Aufmerksamkeitsmaschinen anzulegen. Es nimmt den Eltern das schlechte Gewissen, weil jetzt der Staat den Türsteher spielt. Es nimmt den Plattformen den Druck, ihre Algorithmen zu reparieren, weil die Verifikation jetzt die offizielle Lösung ist. Es nimmt nur einer Gruppe etwas, das nicht ersetzt wird: den Kindern den Raum, in dem viele von ihnen einen funktionierenden Anschluss finden.
Und es nimmt nebenbei uns allen ein Stück Internet. Eines, in dem man sich anonym äußern kann. Eines, in dem auch kleine Plattformen eine Chance haben. Eines, das nicht über Apple und Google läuft. Eines, in dem die Krankenschwester unter Pseudonym über Personalmangel schreiben kann, ohne ihre Existenz zu gefährden. Eines, in dem die Krankenschwester aber auch nicht jeden Morgen das Risiko eingehen muss, dass ihr Sohn binnen 39 Sekunden ein Video sieht, das ihn dauerhaft prägt.
Das eine schließt das andere nicht aus. Beides ist gleichzeitig möglich.
Die Werkzeuge dafür existieren. Sie heißen Digital Services Act und Digital Fairness Act, sie heißen Safety by Design, sie heißen Algorithmen als Hochrisiko KI, sie heißen Pflichtfach Medienkunde. Es fehlt nicht an Wissen, was zu tun wäre. Es fehlt an Bereitschaft, sich mit den Mächtigen anzulegen, statt mit den Schwächsten.
Wir regulieren nicht die Maschine, die nachweislich Schaden anrichtet.
Wir regulieren die Kinder, die mit dieser Maschine aufgewachsen sind.
Das ist nicht Kinderschutz. Das ist Bequemlichkeit. Und das ist kein Versehen. Das ist die einfachere Variante derselben Debatte, in der wir uns schon seit Jahren um die Symptome streiten, ohne die Ursache anzufassen.
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Abonniert
Wenn du wählen müsstest: Ein Internet, in dem dein Kind bei jeder Anmeldung sein Alter bei der EU hinterlegt? Oder ein Internet, in dem Plattformen so reguliert sind, dass die schädlichen Algorithmen verschwinden, bevor sie dein Kind erreichen? Und falls du sagst „beides muss sein, Sicherheit geht vor”, woran genau merkst du, dass du dich nicht gerade an die Falschen wendest?
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